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Verunsicherung der Männlichkeit

Vorbei sind die Tage, an denen sich meist Männer, zu „Kriegern“, „Superhelden“, „Erlösern“ und „Rittern“ selbst hoch­sti­li­sie­ren und im gefühlten Heldenepos, die Welt im Alleingang retten. Stark, unerschütterlich, kompromisslos, emotionslos, so soll er (gewesen) sein. Die Zeiten haben sich geändert! Nun steht nicht nur der starke-schaffende Anteil im Mittelpunkt, sondern auch ein emotional-bindungsorientierter Anteil wird erwünscht! Doch, auch wenn sich die Anforderungen an den Mann von heute geändert haben, lässt uns dieses Rollenbild des starken und unverwüstlichen Mannes noch nicht los! Welche Risiken birgt das klassische westliche Rollenbild mit sich? Wie sieht es mit einem neuen Rollenbild aus? Kann Yoga im neuen Rollenbild ein subjektiver Meilenstein sein?


Stark, unerschütterlich, kompromisslos, emotionslos und versorgend, diese Adjektive hört man meist, wenn man Menschen beider Geschlechter fragt, wie sie „Männlichkeit“ beschreiben würden. Doch diese Definition der Männlichkeit hat nicht nur Licht, sondern wirft auch einen großen Schatten, einen Schatten der sowohl auf Frauen als auch auf Männer zurückfällt.

Der Schatten, den dieses Bild der Männlichkeit wirft in Fakten:

Suizid ist die häufigste Todesursache für Männer unter 35 Jahren weltweit. Zwei Drittel der GefängnisinsassInnen sind Männer. Männer haben ein erhöhtes Suchtrisiko, aufgrund von fehlenden Stress-Verarbeitungsstrategien. Männer unterziehen sich durchschnittlich 60 Monate (5 Jahre) später einer ärztlichen Untersuchung, trotz bestehender Symptome, da das „männliche Leistungsprinzip“ durch eine Diagnose gefährdet werden könnte. Männer sind in den meisten Fällen Opfer und/oder Täter bei Gewalthandlungen. (Sexuelle Belästigung, Vergewaltigung und Femizide sind Akte der männlichen Gewalt, überwiegend von Männern an Frauen begangen, die an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben sollen).

Doch wie entstand dieses Rollenbild und woran scheitert es?

Die Entstehung des männlichen Rollenbilds beruht auf 2 Phänomenen: der „Umwegidentifikation“, sowie der „Externalisierungstendenz“.

Die „Umwegidentifikation“ beschreibt das Phänomen, dass aufgrund fehlender männlicher Vorbilder in der Familie (durch z.B. viel arbeitende Väter, alleinerziehende Mütter, …), oder wenn Männer präsent sind, diese Anwesenheit jedoch durch emotionale Distanziertheit, durch „Superheldentum“ (in dem sie alle Probleme scheinbar ohne große Mühe meistern, ohne scheinbarer Zweifel oder Verunsicherungen). In beiden Fällen ist Buben schwer möglich, sich damit zu identifizieren, da Buben im Kleinkindalter noch im guten Kontakt mit den eigenen Emotionen stehen und sich beides (das Vorbild des Mannes und des eigenen Seins) daher nicht stimmig anfühlt. Auch ein Mangel an männlichen Pädagogen in Kindergärten und Schulen ist hier anzuführen. Durch diesen oben beschriebenen Mangel an männlichen Vorbildern, beginnen sich Buben von dem abzugrenzen, was sie täglich erleben, nämlich von Frauen und als weiblich erachtete Verhaltensweisen (nicht männlich). Daher ist Bildung des männlichen Selbstbildes eine Abgrenzung zu allem, was als „nicht männlich“ erachtet wird, und baut daher auf der Bildung des Selbstbildes durch Stärkung und Förderung von „nicht nicht-männlicher“ Verhaltensweisen.

Ein Rollenbild, das auf Abgrenzung beruht, ist ein Rollenbild der Verbote. Doch viele Buben und Männer wünschen sich genau diese verbotenen Verhaltensweisen!

Die „Externalisierungstendenz“ beschreibt das Phänomen, dass Buben in Folge der „Umwegidentifikation“ sich Bestätigung im Außen suchen und hier überwiegend die Meinung anderer Männer entscheidend ist. Männlichkeit ist etwas das sich immer wieder erarbeitet und immer wieder bestätigt werden muss. Aufgrund fehlender Vorbilder und Gespräche über dieses Thema, wenden sich Buben an das was „männlich“ für sie greifbar ist. Superhelden aus Filmen, ältere Geschlechtsgenossen die als Vorbilder herangezogen werden, und mit Social Media immer präsenter werdend, auch Influencer und Stars auf Social Media. Da ein Actionfilm und auch die Welt von Social Media wenig mit dem normalen Leben gemeinsam haben, dienen diese nicht zur Bildung eines gesunden Selbst- und Rollenbild.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist hier die eingeforderte „Emotionslosigkeit“, sowie das Prinzip des „immer gültigen Leistungsprinzips“. Diese zwei grundlegenden Anforderungen unterliegen der Voraussetzung der Abspaltung eigener Bedürfnisse und Gefühle. Hier entsteht schnell das „männliche Dilemma“, dieses beschreibt die Ambivalenz zwischen der Abspaltung eigener Bedürfnisse und Gefühle, um funktionieren zu können, bei gleichzeitigem Wunsch (wenn auch oft nur unbewusst vorhanden) nach Nähe, Geborgenheit und der Möglichkeit auch mal schwach sein zu dürfen!

Doch wer immer stark sein muss, kann irgendwann nicht mehr Stark sein wollen! Wer immer funktionieren muss, wird früher oder später zusammenbrechen! Selbst ein Krieger sehnt sich nach Frieden!

Gefühle und Emotionen sind ein Grundbedürfnis des Menschen. Einer Abspaltung, Verweigerung eben dieser führt langfristig zu mentalen und psychischen Problemen.

Was können wir nun für uns und alle folgenden Generationen verändern?

Zu Beginn muss ich klarstellen, dass es hier keine Art „Checkliste“ zum Abarbeiten und Abhaken geben kann, denn so einfach funktioniert die menschliche Psyche nicht.

Für viele Menschen ist die Suche nach einer objektiven Wahrheit leichter anzugehen, weniger verwirrend und bedrohlich als die Suche nach einer subjektiven Wahrheit. Ein starres Konzept wird und kann es nicht schaffen alle Bedürfnisse aller Männer, im Hier und Jetzt und auch zukünftiger Männer zu vereinen! Daher möchte ich an dieser Stelle nur Gedanken ausführen.

Wir müssen den Weg der traditionellen Männlichkeit, den wir gegangen sind, weder zurückgehen noch hassen. So wie wir hoffentlich auch all das, was beim Gang auf diesem Weg aus uns persönlich wurde nicht hassen, sondern freundschaftlich und mitfühlend aufnehmen. Aber wir müssen den Weg hinterfragen!

Männer und Männlichkeit sind an sich nicht falsch, schlecht oder böse und es fehlt Männern an nichts Grundlegendem. Was es jedoch braucht, ist eine Neuausrichtung der für „männlich erachteten Attribute und Verhaltensweisen“. Mehr Akzeptanz für Männer und ihren emotionalen Bedürfnissen, ohne das Bedürfnis oder den Mann als Ganzen abzuwerten!

Es muss uns Männern und uns als Gesellschaft gelingen, eine Vorstellung von Männlichkeit zu entwickeln, in die Versagen integrierbar ist.

Die Neugierde der Männer muss gestärkt werden. Die Neugierde sich selbst auf neuen Ebenen kennenzulernen. Die Neugierde dorthin zu fokussieren, wo Männer bereits Emotionen spüren und diesen Radius zu erweitern, anstatt den Fokus darauf zu richten wo ein Mangel besteht und dadurch diese Neugierde im Keim zu ersticken!



Männeryoga als Chance?

Yoga bedeutet „Verbinden“. Körper, Geist und Emotionen zu verbinden. Doch Yoga kann mehr sein. Yoga kann Raum schaffen, seinen Körper und sich selbst zu öffnen. Yoga für Männer nimmt Rücksicht auf den Körperbau des Mannes und wirkt gleichzeitig stärkend und öffnend! Yoga bietet die Möglichkeit eine neue Copingstrategie (Stressbewältigung) zu erlernen, und stärkt dadurch die psychische Gesundheit und stärkt die mentale Widerstandsfähigkeit. Männeryoga öffnet den Raum, um sich unter Männern auszutauschen, zu merken, dass man nicht allein mit seinen Sorgen, Ängsten und Zweifeln ist. Männeryoga verbindet.

Yoga für Männer wird sicher nicht das Allheilmittel für alles was schief läuft und wird nicht für jeden Mann das passende sein. Jedoch kann es ein Puzzleteil für eine fairere, gesündere und verbundenere Zukunft sein.

Abschließend möchte ich mit Satz „Wo Männlichkeitskonstruktion war, soll ICH werden. Und wo ich bin, ist Männlichkeit“, den es geht nicht um ein besseres Funktionieren innerhalb des Rollensystems, sondern von einem einengenden Rollenkorsetts!

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